Fallbeispiel zur Sprachförderung

Zukunft mit Sprache

SPATZ fördert spielerischen Spracherwerb im Vorschulalter
Ein Mdchen mit bunten Hnden, daneben Kinder mit einer Erzieherin im Spielkreis

Unabhängig davon, wo ein Kind aufwächst, der Schlüssel zum späteren schulischen Erfolg liegt darin, dass es die jeweilige Landessprache gut beherrscht – und das so früh wie möglich. Die Landesregierung unterstützt deshalb Kinder, die beim Erwerb der deutschen Sprache besondere Unterstützung benötigen wie beispielsweise Kinder mit Migrationshintergrund: Mit dem Förderprogramm SPATZ wurden im abgelaufenen Kindergartenjahr 2014/2015 61.300 Kinder gefördert. Der Erfolg dieses Programms, bei dem die L-Bank vom Land beauftragt wurde, die Mittel zu vergeben und die Antragsteller zu beraten, ist nur durch das Engagement der Erzieherinnen und Erzieher sowie der jeweiligen Träger möglich. Ein Besuch in der katholischen Kindertagesstätte St. Theresia in Mannheim zeigt mit wieviel Einsatz hier ebenso wie in vielen anderen Einrichtungen in Baden-Württemberg Sprache spielerisch vermittelt wird.

Kinder verkaufen selbstgemachtes Eis an ein anderes Kind

Die fünfjährige Milena ist eine ganz besonders neugierige Kundin am Eisstand. Was ist denn da überhaupt drin, in so einem Eis? Wie wird es gemacht? Und warum sieht die Schokokugel dunkel, die Vanillekugel dagegen hell aus? Arda (6), Dustin (5) und Lenni (6) geben ausführlich und kompetent Auskunft – schließlich haben die Kinder aus der Kindertagesstätte St. Theresia im Mannheimer Stadtteil Neckarstadt-West das Eis selbst gemacht. Gelernt haben sie dabei nicht nur, wie sie selbst Eis herstellen können, sondern vor allem: wie sie sich in der Gruppe verständigen und wie sie das Eis anbieten müssen, um Abnehmer zu finden. Anders ausgedrückt: Wie sie die deutsche Sprache nutzen, um im Alltag ihre Ziele zu erreichen. Diese Fähigkeit ist keine Selbstverständlichkeit: Die Kinder wohnen in der Mannheimer Neckarstadt-West. Hier leben etwa 21.000 Menschen aus über 100 Nationen – für 62,7 Prozent der Bewohner ist Deutsch nicht die Muttersprache. In der Kindertagesstätte liegt der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund bei über 80 Prozent.

„Alltagsorientierte Spracherziehung ist für jedes Kita-Team ein wichtiger und ständiger Teil der Arbeit“, erläutert Gabriele Wurl, Referentin für Sprachförderung und Qualitätsmanagement bei der Katholischen Gesamtkirchengemeinde Mannheim. „Doch manche Kinder mit Migrationshintergrund oder Kinder, die zu Hause zu wenig gefördert wurden und Sprachförderbedarf aufweisen, benötigen mehr Unterstützung.“ Für diesen Bedarf hat die Landesregierung in Baden-Württemberg im Jahr 2012 das Programm SPATZ – eine Abkürzung für „Sprachförderung in allen Tageseinrichtungen für Kinder mit Zusatzbedarf“ – geschaffen, das Kindertagesstätten und ihren Trägern die Finanzierung spezieller Angebote ermöglicht. Ab dem ersten Kindergartenjahr, also in der Regel ab dem Alter von drei Jahren, werden Gruppen von bis zu sieben Kindern gefördert. „Die kleinen Gruppen haben den Vorteil, dass man sich um die einzelnen Kinder besser kümmern kann“, erklärt Nicole Joiner, Leiterin der Kindertagesstätte in der Neckarstadt-West. Die Integration des Angebots in den Kindergartenalltag ist ihr dabei wichtig: „Sprachförderung wird mit dem verknüpft, was die Kinder gerade interessiert.“ Dazu gehört, dass sie Situationen meistern, an denen sie wachsen können. „Die Kinder besuchen Schwimmbäder, Museen oder Bibliotheken und lernen durch den intensiven Kontakt mit der Sprache, wie sie sich ausdrücken müssen, um diese Angebote sinnvoll nutzen zu können“, erläutert Gabriele Wurl, die den Einrichtungen beratend zur Seite steht. „In den drei Jahren bis zum Schuleintritt erwerben sie auf diese Weise so viel Sprachkompetenz, dass sie dem Unterricht in der Grundschule problemlos folgen können.“

Geschftsfhrer der Katholischen Gesamtkirchengemeinde Mannheim

Auch die Katholische Kirche als Träger von insgesamt 42 Kindertageseinrichtungen in Mannheim ist froh, dass es das Förderprogramm SPATZ gibt. „Durch die 2.200 Euro Zuschuss pro Fördergruppe können wir auch externe Fachkräfte einsetzen“, freut sich Eckhard Berg, Geschäftsführer der Katholischen Gesamtkirchengemeinde Mannheim.

Sprachförderung hat in Mannheim eine lange Tradition. Früher setzte man jedoch erst im letzten Kindergartenjahr an. „Mit Förderprogrammen wie SPATZ können wir die Kinder jetzt drei Jahre lang begleiten“, erläutert Gabriele Wurl. „Wir machen sie fit in Deutsch – nicht nur für die Schule, sondern auch fürs Leben.“ Ihre Vorgängerin, Ulrike Wessling-Rezavandy, die seit einigen Monaten im Ruhestand ist, erinnert sich an die früheren Probleme: „Im Jahr 2011 hatten 16 Prozent der Kinder in Mannheim am Ende der Kindergartenzeit einen Sprachförderbedarf. Das war ein großer Startnachteil für die betroffenen Kinder, aber auch eine große Belastung für die Lehrer an den Grundschulen.“ Seit dem Start von SPATZ im Kindergartenjahr 2012/2013 sind die Einrichtungen in der Lage, diesen Zustand zu verbessern. Nicht nur in Mannheim, sondern in ganz Baden-Württemberg leistet SPATZ viel. So weist der Bildungsbericht Baden-Württemberg im Kindergartenjahr 2014/2015 eine intensive Sprachförderung für rund 61.300 Kinder aus. 65 Prozent von ihnen sprechen Deutsch als Zweitsprache. Für ihre Förderung investiert die Landesregierung rund 21 Millionen Euro jährlich.

Marion v. Wartenberg, Staatssekretrin im Ministerium fr Kultus, Jugend und Sport

Durch die Aufnahme von Flüchtlingsfamilien ist das Land mehr denn je gefordert, sprachliche Förderung in den Kindertageseinrichtungen zu unterstützen. „Ich sehe ein Flüchtlingskind vor allem als Kind“, begründet die für SPATZ und die gesamte frühkindliche Bildung zuständige Staatssekretärin im Ministerium für Kultus, Jugend und Sport, Marion v. Wartenberg, ihr Engagement und fordert: „Wir müssen den Kindern so früh und so schnell wie möglich Sprachförderung in den Kitas, aber auch in Kinder- und Familienzentren ermöglichen.“ Die Landesregierung stellte deshalb zunächst in den Jahren 2015 und 2016 – zusätzlich zu SPATZ – je 1,2 Millionen Euro für die sprachliche Begleitung und für die Förderung von Flüchtlingskindern zur Verfügung. „Weil mehr kleine Kinder gekommen sind als angenommen wurde, sind für das Jahr 2015 im Nachtragshaushalt nochmals zusätzlich 800.000 Euro bereitgestellt worden und 1,6 Millionen Euro für das Jahr 2016“, führt die Staatssekretärin aus. Und sie sorgt dafür, dass diese Angebote den Kindern rasch zugutekommen: „Bis 15. Februar, also über den normalen Stichtag am 30. November hinaus, können Einrichtungen neue Gruppen für Flüchtlingskinder bilden und fördern lassen.“ Denn die Kinder, die nach dem eigentlichen Stichtag in eine Einrichtung aufgenommen werden, sollen nicht lange auf ihre Sprachförderung warten.

Erzieherinnen vor einer Gruppe rennender Kinder

Zeitersparnis – das ist auch ein wichtiger Vorteil von SPATZ für die Einrichtungen selbst. Die L-Bank und das Land reduzierten den bürokratischen  Aufwand bei der Antragstellung der Fördermittel  weitest möglich, wie Eckhard Berg unterstreicht: „Wir müssen die Bewilligung nicht mehr abwarten, sondern können, sofern die Voraussetzungen erfüllt sind, unmittelbar zu Beginn des Kindergartenjahres mit der Frühförderung beginnen.“ Berg ist sichtlich froh über diese unbürokratische Lösung. Auch die Namenslisten der Kinder müssen nicht mehr eingereicht werden, sondern verbleiben in der Einrichtung. Insgesamt bedeute das Engagement des Landes für die Erzieherinnen und Erzieher, die jeden Tag schwierige und anstrengende Arbeit leisten, mehr als nur eine finanzielle Zuwendung, wie Gabriele Wurl es auch mit Blick auf alle anderen Träger zusammenfasst: „Das Förderprogramm SPATZ zeigt die Wertschätzung, die sowohl den Einrichtungen als auch den Erzieherinnen und Erziehern vor Ort für ihre Arbeit entgegen gebracht wird.“

Kinder sitzen auf dem Boden und bekommen ein Buch vorgelesen

Neu im Kindergartenjahr 2015/2016 ist außerdem, dass SPATZ die Einrichtungen noch stärker dabei unterstützt, die Eltern der geförderten Kinder miteinzubeziehen. Die entsprechenden Zuschüsse wurden von 250 Euro auf 500 Euro je Fördergruppe verdoppelt. Für Eckhard Berg ist das gut investiertes Geld, das in Sonderprojekte wie Eltern-Cafés, gemeinsames Kochen und Backen sowie regelmäßige Themenabende mit Dolmetschern fließt. Das Angebot komme gut an, bestätigt Gabriele Wurl auch mit Blick auf die Rückmeldungen aus dem trägerübergreifenden Arbeitskreis der Fachreferentinnen und -referenten für Sprachförderung in Mannheim: „In manchen unserer Einrichtungen beteiligen sich mehr als 80 Prozent der Eltern und begrüßen aktiv diese Bemühungen im Bereich sprachlicher Frühförderung. Die Eltern haben sehr wohl verstanden, dass Sprache ein wichtiger Schlüssel für die Zukunft ihrer Kinder ist.“

Milena hat sich mittlerweile für ein Schokoeis entschieden. „Schmeckt lecker“, ist sie zufrieden und bittet Arda, Dustin und Lenni um eine Liste der Zutaten, damit sie sich Zuhause selbst eines zubereiten kann. Nachdem alle Kinder ihr Eis hatten, bekommen auch die Erzieherinnen eines. „Aber nur eine Kugel“, meint Arda streng. „Zuviel ist ungesund.“


SPATZ – Sprachförderung für alle Tageseinrichtungen für Kinder mit Zusatzbedarf – kann seit dem Kindergartenjahr 2012/2013 für alle sprachförderbedürftigen Kinder des Landes ab dem 3. Lebensjahr angeboten werden.

Damit haben wir bereits vor 3 Jahren ein wichtiges Ziel des Koalitionsvertrags erreicht.  Mehr noch: Kindergartenjahr um Kindergartenjahr konnten durch die Bereitstellung weiterer Mittel aus dem Landeshaushalt Verbesserungen erzielt werden. Wurde das Fördervolumen im Kindergartenjahr 2014/2015 um weitere vier Millionen Euro auf rund 21 Millionen Euro erhöht, erfolgte für das laufende Kindergartenjahr eine weitere Mittelbereitstellung durch den erhöhten Bedarf (2,5 Millionen Euro) und die Einbeziehung von Flüchtlingskindern (2015: 2 Millionen Euro und 2016: 2,8 Millionen Euro).

Die vier neuen Kernelemente für das Kindergartenjahr 2015/2016 sind:

  • Einbeziehung von knapp dreijährigen Kindern (ab 2 Jahren und 7 Monaten)
  • Einbeziehung von Flüchtlingskindern
  • Stärkere Einbeziehung von Familien
  • Möglichkeit der flexiblen Aufnahme und damit nachträglichen Gruppenbildung bis zum 15. Februar für neu hinzukommende Flüchtlingskinder
Marion v. Wartenberg, Staatssekretrin im Ministerium fr Kultus, Jugend und Sport

„Flüchtlingskinder und ihre Familien bedürfen unserer besonderen Aufmerksamkeit und Unterstützung. Die Kitas heißen sie willkommen. Nach Verfolgung, Verlusterfahrungen und Flucht sind dies Hoffnungszeichen.“

Weitere Informationen:

Anträge für das Kindergartenjahr 2015/2016 müssen spätestens bis zum 30.11.2015 bei der L-Bank eingehen. Anträge für Gruppen mit Flüchtlingskindern sind bis zum 15.02.2016 möglich.