19.10.2018 - Kippt die Konjunktur?

L-Bank-ifo-Konjunkturumfrage zeigt: Die Südwestunternehmen bleiben auch über die Sommermonate positiv gestimmt
Dr. Axel Nawrath, Vorsitzender des Vorstands der L-Bank, im Interview über die aktuelle Lage

Karlsruhe, 19. Oktober 2018. Nachdem sich die Stimmung der baden-württembergischen Unternehmen in den ersten Monaten des Jahres angesichts zunehmender politischer und wirtschaftlicher Risiken merklich eingetrübt hatte, war zuletzt wieder ein Positivtrend zu beobachten. Zwischen Juni und September verbesserte sich das Geschäftsklima sukzessive von 24 auf 28 Indexpunkte. Trotz aller Unwägbarkeiten bleiben die Südwestunternehmen also bislang positiv gestimmt.

Dr. Axel Nawrath, Vorsitzender des Vorstands der L-Bank, über die Lage und die Aussichten der baden-württembergischen Wirtschaft:

Frage: Herr Dr. Nawrath, wie das Statistische Landesamt kürzlich bekannt gab, lag das Wirtschaftswachstum in Baden-Württemberg im 1. Halbjahr dieses Jahres bei 1,6 Prozent. Das war nicht nur recht deutlich unter dem Vorjahreswert von 2,3 Prozent, sondern auch unter dem bundesweiten Wachstum von 1,9 Prozent. Hat die gute Stimmung der baden-württembergischen Unternehmen also bald ein Ende?

Antwort: So weit würde ich nicht gehen. Das wäre mir zu früh, so einen harten Schluss daraus zu ziehen. Ich glaube, dass die etwas schwächeren Wachstumszahlen, die wir jetzt haben, noch kein Grund zur Besorgnis sind. Ja, es gibt einige dunkle Wolken am Horizont, aber das ist mit dem Wetter vergleichbar: man weiß nicht, wie groß sie werden. Werden es Kumuluswolken oder droht doch ein Gewitter? Natürlich ist die exportorientierte Wirtschaft in Baden-Württemberg empfindlicher gegenüber Blitzschlägen und Hagel, die aus dem Brexit, Handelskonflikten oder anderen internationalen Verwerfungen entstehen können. Aber man muss mal schauen. Hier ist ja vieles noch in offenen und intensiven Verhandlungen, so dass diese konjunkturellen Gefahrenquellen sich auch noch als weniger dramatisch auflösen können.

Frage: Machen sich die Handelsstreitigkeiten und der bevorstehende Brexit auch beim Export bemerkbar?

Antwort: Man soll die Augen nicht vor den Fakten verschließen: Ja. Eine exportorientierte Wirtschaft wie Baden-Württemberg, mit dem Vereinigten Königreich als wichtigem Zielland spürt das schon. Die um 14 Prozent geringeren Exporte nach Großbritannien konnten bisher durch steigende Exporte in andere EU-Staaten, aber auch nach Asien und die USA kompensiert werden. Und ich glaube, Baden-Württembergs Unternehmen haben sich in der Vergangenheit immer als so stark, aber auch als so flexibel erwiesen, dass es noch mehr brauchen wird, bis sie wirklich in die Knie gehen.

Frage: Bisher ist die Exportstärke Baden-Württembergs und Deutschlands also noch nicht so stark beeinträchtigt. In Hinblick auf die unausgeglichene Außenhandelsbilanz sorgt diese ja regelmäßig für Unmut auf internationaler Ebene. Was halten Sie von dieser Debatte?

Antwort: Wenn wir über die Exportorientierung sprechen, dann haben wir auch international eine Diskussion über die Leistungsbilanz. Und da ist ja im Moment weltweit eine Diskussion losgetreten worden: Wer hat einen zu hohen Überschuss und wer hat keinen Überschuss? Und insbesondere jetzt in der aktuellen Diskussion haben wir aus einem Land, nämlich Italien, ganz laute Stimmen gehört, die sagen: Jetzt gebt uns mal was ab. Ich möchte mal auf etwas hinweisen, was in diesem Zusammenhang oft unterschlagen wird: Italien gehört zu den zehn Ländern mit den größten Handelsbilanzüberschüssen. Deshalb: Allein über eine isolierte Betrachtung der Handelsbilanz lassen sich die Probleme der bestehenden Ungleichgewichte nicht bereinigen.

Frage: Wie hat sich die Stimmung der baden-württembergischen Verbraucher im aktuellen Umfeld entwickelt?

Antwort: Die Verbraucherstimmung in Baden-Württemberg wird nicht so sehr durch die Exportorientiertheit und die Risiken, die darin liegen, geprägt, sondern eher dadurch, dass jetzt die Inflationsrate wächst. Die Inflationsrate steigt stärker als die Möglichkeit, Zinsen auf Erspartes zu bekommen. Und das dämpft mittlerweile ein wenig die Verbraucherlust, Geld auszugeben. Trotzdem: Objektiv muss man sehen, das Einkommensklima ist unverändert top. Wir haben heute in der Index-Zeitreihe seit 2002 die höchsten Werte, die wir je hatten, wir haben einen hohen Beschäftigungsstand – also: für den Verbraucher besteht heute objektiv kein Grund, irgendwie in Unruhe zu verfallen.

Frage: Werfen wir zum Abschluss noch einen Blick auf die Baubranche im Südwesten. Kürzlich wurde vermeldet, dass von Januar bis Mai etwa 18.000 Neubauwohnungen genehmigt wurden, ein kräftiger Anstieg um 13 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Spiegelt sich dies auch in der Stimmung der baden-württembergischen Bauunternehmen wider?

Antwort: Ich glaube, für die baden-württembergischen Bauunternehmen ist es eine glänzende Zeit! Immer noch brummt die Konjunktur im Bau. Und was für die exportorientierte Industrie vielleicht erste dunkle Wolken sind, ist beim Bau eher das Thema: Sind genügend Flächen da und wie lösen wir das Fachkräfteproblem? Was insgesamt für die Industrie in der Zukunft ein Problem wird, ist für die Bauindustrie bereits Realität: Ihr gehen einfach die Fachkräfte aus.

Das Interview finden Sie als Podcast unter www.l-bank.de/podcast und den ausführlichen Konjunkturtest unter www.konjunktur-bw.de .

Hintergrund

Für den L-Bank-Konjunkturbericht werden durch das ifo-Institut monatlich 1.000 Unternehmen zu ihrer Einschätzung der aktuellen Geschäftslage sowie ihren Erwartungen für die nächsten sechs Monate befragt. Die GfK befragt ca. 300 baden-württembergische Verbraucher nach ihrer Konjunktureinschätzung für das private Konsumklima im Land. Die L-Bank ist eine der großen Förderbanken in Europa und unterstützt durch ihre Programme zur Wirtschaftsförderung, Wohnraumförderung und Infrastrukturförderung die Konjunktur in Baden-Württemberg. Ansprechpartner ist Dr. Benjamin Quinten, benjamin.quinten@l-bank.de , Tel.: 0721 150-1887