14.01.2019 - Konjunkturpessimisten im Land gewinnen die Oberhand

L-Bank-ifo-Konjunkturtest zeigt: Baden-Württembergs Unternehmen und Verbraucher gehen trotz unverändert starker Lage mit Skepsis ins neue Jahr
Dr. Axel Nawrath, Vorsitzender des Vorstands der L-Bank, im Interview über die aktuelle Lage und die Aussichten für 2019

Karlsruhe, 14. Januar 2019. Das Jahr 2018 war ein bewegtes Jahr: Brexit, Handelskrieg und die Herausforderungen in der Automobilindustrie – das lässt auch baden-württembergische Unternehmen nicht kalt. Laut der neuesten L-Bank-ifo-Konjunkturumfrage zeigen sich diese zwar weiterhin sehr zufrieden mit ihrer aktuellen Lage, blicken jedoch mit Skepsis auf das gerade begonnene Jahr 2019. Zum Jahreswechsel lagen die Geschäftserwartungen erstmals seit mehr als zwei Jahren im negativen Bereich. Auch die großen Forschungsinstitute sind einhellig der Meinung, dass der Konjunkturaufschwung seinen Höhepunkt überschritten hat; eine Rezession erwarten die Experten für die kommenden Jahre jedoch nicht.

Dr. Axel Nawrath, Vorsitzender des Vorstands der L-Bank, über die Entwicklungen des vergangenen Jahres sowie über die Perspektiven für 2019:

Frage: Herr Dr. Nawrath, wie sieht Ihre Konjunkturbilanz des Jahres 2018 aus? Freuen Sie sich über das mittlerweile neunte Jahr des Aufschwungs? Oder sind Sie enttäuscht, dass das Wachstum nicht mehr ganz so hoch ausfällt?

Antwort: Ich glaube, man sollte realistisch bleiben. Die Unternehmen präsentieren sich immer noch in sehr guter Verfassung. Die Umsätze sind gestiegen und die Zufriedenheit mit der aktuellen Lage ist groß. Wir haben weiterhin ein sehr robustes, weil breit getragenes Wachstum. Die Binnenwirtschaft läuft und wir erleben, angesichts weiterhin niedriger Zinsen und einer hohen Nachfrage nach Wohnraum, eine boomende Baubranche. Aber auch die Exportwirtschaft hat trotz vieler Risiken einen erheblichen Beitrag zu diesem Wirtschaftswachstum im vergangenen Jahr geleistet. Dass das Wachstum im abgelaufenen Jahr etwas geringer ausgefallen ist, ist eine normale Entwicklung des Konjunkturzyklus und per se kein Grund zur Besorgnis. Wachstumsraten weit oberhalb des Produktionspotentials, wie wir sie zuletzt hatten, können kein Dauerzustand sein.

Gleichzeitig muss man festhalten, dass die Unwägbarkeiten auf internationaler Ebene zugenommen haben. Neben dem Brexit belasten auch die Handelsstreitigkeiten mit den USA, die wirtschaftspolitische Situation in Italien und zuletzt die Unzufriedenheit in Frankreich die Weltwirtschaft. Zudem gibt es Turbulenzen in Brasilien und in der Türkei. Aber ich glaube, dass die baden-württembergischen Unternehmen diese Risiken meistern werden. Sie werden sich den Auswirkungen nicht entziehen können, aber sie werden sie meistern.

Frage: Trotz all dieser Unwägbarkeiten: Wo sehen Sie Baden-Württembergs Konjunktur in diesem Jahr? Wird uns das Konjunkturhoch noch eine Weile erhalten bleiben?

Antwort: Aktuell scheint es so, dass der konjunkturelle Aufschwung seinen Höhepunkt zwar überschritten hat, aber das heißt nicht, dass wir deswegen unmittelbar in eine Rezession mit dauerhaft negativen Wachstumsraten rutschen werden. Wir haben angesichts der seit Jahren andauernden Prosperität und der sehr guten Lage auf dem Arbeitsmarkt eine Situation, in der wir eher unter Kapazitätsengpässen und Fachkräftemangel leiden. Im Baugewerbe lag die Kapazitätsauslastung im vergangenen Jahr beispielsweise bei durchschnittlich rund 80 Prozent, dem höchsten Wert seit 1991.

In Summe rechne ich für 2019 in Deutschland und Baden-Württemberg mit einer im Vorjahrsvergleich ähnlichen, vielleicht tendenziell etwas geringeren Wachstumsrate. Der Brexit steht vor der Tür, dessen Ausgestaltung ja nach wie vor völlig offen ist. Daher kann jede Konjunkturprognose in einigen Wochen unter Umständen jedoch wieder überholt sein. Großbritannien ist ein wichtiger Handels- und Kooperationspartner. Ein ungeordneter EU-Austritt hätte – zumindest kurzfristig – einen erheblichen Einfluss auf die konjunkturelle Entwicklung Europas und Baden-Württembergs.

Frage: Baden-Württemberg bewegt sich zum Jahreswechsel an der Schwelle zur Vollbeschäftigung. Bleibt es bei der rosigen Lage oder müssen sich die Arbeitnehmer im Land auf schlechtere Zeiten einstellen?

Antwort: Eine Trendwende auf dem Arbeitsmarkt sehen wir nicht. Die Perspektiven für Arbeitnehmer in Deutschland und vor allem auch in Baden-Württemberg sind weiterhin ausgezeichnet. Auch in diesem Jahr wird mit einem weiteren leichten Anstieg der Beschäftigungsquote zu rechnen sein, das heißt mit einem nochmaligen Rückgang der Arbeitslosenquote. Das sind schon historisch extrem gute Zeiten. Die kommenden Probleme betreffen eher die Arbeitsgeber. Die Erwerbspotenziale der deutschen Bevölkerung sind einfach begrenzt und die Zuwanderung war zuletzt rückläufig. Der Fachkräftemangel wird damit zunehmend zum limitierenden Faktor. In unseren Umfragen klagt derzeit ein großer Teil der Industrieunternehmen über fehlende Fachkräfte. Im Baugewerbe ist der Mangel an Arbeitskräften seit Monaten der am häufigsten genannte Grund für Behinderungen bei der Bautätigkeit. Aber die privaten Haushalte dürfen sich voraussichtlich auch in diesem Jahr über steigende Einkommen freuen. Zumal die Bundesregierung mit umfangreichen Abgabesenkungen und Leistungsausweitungen für einen zusätzlichen Schub sorgt.

Das Interview finden Sie als Podcast unter www.l-bank.de/podcast und den ausführlichen Konjunkturtest unter www.konjunktur-bw.de .

Hintergrund

Für den L-Bank-Konjunkturbericht werden durch das ifo-Institut monatlich 1.000 Unternehmen zu ihrer Einschätzung der aktuellen Geschäftslage sowie ihren Erwartungen für die nächsten sechs Monate befragt. Die GfK befragt ca. 300 baden-württembergische Verbraucher nach ihrer Konjunktureinschätzung für das private Konsumklima im Land. Die L-Bank ist eine der großen Förderbanken in Europa und unterstützt durch ihre Programme zur Wirtschaftsförderung, Wohnraumförderung und Infrastrukturförderung die Konjunktur in Baden-Württemberg.