Fallbeispiel Geigenbau Gornowskij

„Ich musste diese Chance einfach nutzen“

„Holz lebt.“ Das sagt der Geigenbauer Wsewolod Gornowskij, der in seiner Tübinger Werkstatt von Holz umgeben ist: vom Jahrhunderte alten Haus, in dem er seine Werkstatt betreibt, den Werkbänken und natürlich den Geigen selbst. Auch seinen Traum lebt der gebürtige Russlanddeutsche aus Kasachstan an diesem Ort: Gegen alle ursprünglichen Lebenspläne hat er hier seine Selbstständigkeit verwirklicht.

Klicken Sie hier, um die Bildergalerie zu öffnen. Wsewolod Gornowskij bernahm die Geigenau-Werkstatt von seinem frheren Chef

Inhaber zu werden oder sich einen neuen Job zu suchen: Das war die Wahl, die Wsewolod Gornowskij als angestellter Geigenbauer im letzten Jahr hatte. Denn sein Chef wollte den Betrieb übergeben. Heute, etwa ein Jahr nach der Übernahme, kann er über diese Situation lachen. Doch die Entscheidung war eine große. „Natürlich möchte fast jeder Geigenbauer irgendwann einmal selbstständig werden. Doch ich wollte eigentlich noch mehr Erfahrungen sammeln und hatte auch nicht genügend Kapital für eine Übernahme.“ Andererseits war die Gelegenheit außerordentlich günstig: Die Werkstatt in der Tübinger Innenstadt war bestens etabliert und ausgerüstet, er kannte die Kunden und hätte ohne größere Einarbeitung loslegen können. Wsewolod Gornowskij stand vor einem Dilemma.

Der 32-Jährige beschreibt sich als einen Menschen, der alles sehr gut plant. Aber er kann Pläne auch ändern, das hatte er vor der wichtigen Entscheidung schon einmal bewiesen. Beide Eltern sind Berufsmusiker, und auch ihm ist dieser Weg in die Wiege gelegt: Mit sieben Jahren beginnt er, Geige zu spielen, und später studiert er in Nürnberg vier Semester Musik. In dieser Zeit geht er häufig zu einem Geigenbauer, um sein Instrument einstellen und reparieren zu lassen. Dort lässt er sich inspirieren: „Diese ruhige, konzentrierte Arbeit, der intensive Umgang mit Holz: Da merkte ich, dass Geigenbauer meine wahre Berufung ist.“ Er bricht das Studium ab, absolviert in Mittenwald eine Geigenbauausbildung, tritt in Tübingen seine erste Stelle an – und bekommt die Gelegenheit zur Selbstständigkeit, an die er damals noch nicht gedacht hatte.

Er geht zur Handwerkskammer und lässt sich beraten. Dort bekommt er „viele gute Tipps“, wie er betont, und natürlich Hilfe bei der Erstellung des Businessplans und bei der Finanzierungsberatung. Auch von der „Startfinanzierung 80“ der L-Bank erfährt er dort – ein zinsverbilligtes Darlehen für Existenzgründungen und Übernahmen sowie Vorhaben innerhalb von fünf Jahren nach der Gründung, das durch eine 80%ige Bürgschaft abgesichert wird. Ausgerüstet mit diesem Wissen sucht er sich eine Hausbank, die den Antrag an die L-Bank stellt und das Darlehen bewilligt.

„Am Anfang war es wirklich sehr stressig“, erinnert sich Gornowskij. Zur eigentlichen Arbeit kamen nun der Kundenverkehr, das Rechnungswesen sowie der Umgang mit dem Finanzamt und anderen Behörden hinzu. Arbeitete er früher 40 Stunden pro Woche, geht sein Arbeitstag heute nicht selten bis 22 Uhr. „Ich bin ein richtiger Geigenarzt geworden“, lacht er. Denn die meisten Kunden bringen ihr Instrument lediglich zur Reparatur und das hat Vorrang vor dem Geigenbau. Seine Vorhaben für die Zukunft? Er möchte gerne mehr Zeit haben, um neue Geigen zu bauen, und er kann sich vorstellen, deshalb mittelfristig einen Mitarbeiter einzustellen. Auch das wird sich zum richtigen Zeitpunkt ergeben, so ist er sich sicher: „Bisher haben sich meine Träume immer erfüllt – manchmal gegen alle ursprünglichen Pläne.“

Und seine zweite Leidenschaft, die Musik, kommt diese nicht auch zu kurz im Leben des Selbstständigen? Nein, der Geigenarzt spielt sinnigerweise im Tübinger Ärzteorchester die erste Geige. Große Freude bereitet ihm das, so erklärt er, da er auf diese Weise nicht von der Musik leben muss. Seine berufliche Erfüllung hat er in seiner Werkstatt gefunden: „Hier bin ich einfach richtig.“

Geigenbau Gornowskij in Tübingen

Wsewolod Gornowskij übernahm im Februar 2015 eine Werkstatt für Geigenbau in Tübingen. Hier bietet er Reparaturen und Restaurationen an, stellt die Instrumente optimal ein und berät Kunden über Alter und Herkunft geerbter Instrumente. Seine Kunden sind sowohl Privatleute als auch Berufsmusiker. Mittelfristig will er auch eigene Geigen bauen, sobald er sich endgültig etabliert hat.

Die Website des Unternehmens: www.geigenbau-gornowskij.de
Das Programm „Startfinanzierung 80“ der L-Bank: www.l-bank.de/startfinanzierung80