Zauberhaft

Mit dem Kreativwettbewerb der L-Bank werden Schüler gefördert, die sonst eher selten auf dem Siegertreppchen stehen.

Wer die Heilbrunnenschule in Stuttgart-Möhringen betritt, nimmt am besten eine Taucherausrüstung mit. Denn im Innern der Förderschule öffnet sich seit einiger Zeit eine fantastische Unterwasserwelt. 

Kreativwettbewerb Zauberhaft

Vor einem roten Korallenriff tanzen bunte Tiefseefische, auf dem Meeresboden krabbeln Kraken und anderes Getier. Sogar ein Piratenskelett liegt zwischen Muscheln am Meeresgrund gleich neben einem untergegangenen Schatz. Die zauberhafte Unterwasserwelt ist das Ergebnis vieler Stunden Arbeit, die Schüler der Klassenstufen 4 bis 7 zusammen geleistet haben. Sie haben sich damit 2012 bei  Zauberhaft beworben, dem Kreativwettbewerb der L-Bank für Förderschüler aus Baden-Württemberg. Die Förderung von Fantasie in allen Formen und die Arbeit in der Gruppe stehen bei diesem Wettbewerb im Mittelpunkt.

In den Wochen davor sah man die acht bis zwölfjährigen Schüler fieberhaft nach allem suchen, was sich zum Bau ihrer Tiefseewelt eignete. Kastanien, rot angesprüht und zusammen gesteckt, sehen echten Korallen schon ziemlich ähnlich. Den Sand beschafften sie sich von der nächsten Baustelle, im Werkraum der Schule war kein Stück Holz vor ihnen sicher. Sie klebten, sägten, leimten und sprühten. Da waren viele von ihnen erst wenige Wochen an der Schule und gerade dabei, sich kennenzulernen“, erzählt die Klassenlehrerin Ruth Aldinger. Seit über 20 Jahren unterrichtet die diplomierte Sonderschullehrerin an der Heilbrunnenschule. Am Kreativwettbewerb der L-Bank nimmt sie schon zum fünften Mal mit ihren Schülern teil – also jedes Jahr, seit die L-Bank 2009 dieses Förderprojekt aus der Taufe hob. „Es motiviert unheimlich und am Ende eines solchen Projektes ist wirklich ein tolles Gemeinschaftsgefühl entstanden.“

Entdeckt den Zauber in eurer Welt hieß 2012 die Aufgabe, die viel Raum für Fantasie ließ. Um sich einzufühlen in Unterwasserwelt, brachte die Lehrerin Bücher mit und las Geschichten vor. Spannend sei das gewesen, erinnern sich die Schüler noch heute. Eine in sich geschlossene Welt. Vielleicht konnten sie deshalb so gut eintauchen – denn wer an die Heilbrunnenschule kommt, hat meist schwierige Jahre an regulären Grundschulen hinter sich. Manche der Kinder sind hyperaktiv,  andere sind krankheitsbedingt in ihrer Entwicklung beeinträchtigt. Der Großteil der Schüler stammt aus Familien mit geringem Einkommen, für die es nicht einfach ist, das Mittagessen oder die tägliche Fahrt zur Schule zu bezahlen.

Der Ansporn, einen guten Beitrag einzuschicken, sei bei diesem Wettbewerb größer als bei gewöhnlichen Schulprojekten, hat Ruth Aldinger beobachtet. „Die Schüler sind begeistert von der Idee, vielleicht sogar auf einem Siegertreppchen zu landen.“ Viele Schülerwettbewerbe würden die Förderschulen ausklammern, „da ist ein solches Projekt eine tolle Ausnahme“, sagt Ruth Aldinger.

Auch wenn es für die Schüler aus Möhringen dieses Mal nicht für den ersten Preis gereicht hat, allein das Mitmachen hat sich gelohnt. „Wir sind dadurch richtig gut zusammen gewachsen“, freut sich Ruth Aldinger. Gewonnen hat die Heinrich-Harpprecht-Schule aus Holzgerlingen mit ihrem Beitrag Die wunderschöne Blume. Den Schülern der Heilbrunnenschule bleibt letztlich ein anderer Schatz, der mit der Zeit noch wichtiger ist: der Stolz, etwas gemeinsam geleistet zu haben.

„Es geht um Anerkennung.“

Die Reportageschule Reutlingen im Gespräch mit Ruth Aldinger, Pädagogin an der Heilbrunnenschule Stuttgart-Möhringen.

  • Frau Aldinger, warum sind Projekte wie der Kreativwettbewerb Zauberhaft der L-Bank so wichtig für die teilnehmenden Kinder?

    Weil sie als Förderschüler normalerweise von herkömmlichen Wettbewerben von vornherein ausgeschlossen sind. Der Ansporn, womöglich einen Preis zu gewinnen oder auch nur zu einer feierlichen Verleihung eingeladen zu werden, ist unglaublich groß. Einmal im Leben möchten auch sie die Möglichkeit haben, Erster zu sein, ganz vorne mitzumischen.

  • Waren ihre Schüler enttäuscht, dass sie 2012 am Ende für ihren Beitrag nicht prämiert wurden?

    Vor ein paar Jahren erzielten wir den ersten Platz. Natürlich hätten auch die beiden aktuellen Klassen gerne gewonnen. Aber letztlich ist es für sie gar nicht so wichtig, unter den Prämierten zu sein. Langfristig gesehen ist der Zusammenhalt, der durch so ein Projekt entsteht, viel mehr wert. Die Teilnahme am Wettbewerb hat den Kindern das Gefühl vermittelt, wichtig zu sein – für viele ist das alles andere als selbstverständlich. Mit ihren jungen Jahren mussten sie schon häufig Enttäuschungen und Rückschläge einstecken.

  • Der Wettbewerb richtet sich an Förderschulen in Baden-Württemberg. Wie verläuft dort der Unterricht?

    Die Schüler erhalten individuelle Aufgaben, an denen sie eigenständig arbeiten. In der regulären Grundschule waren viele von ihnen Außenseiter, was sie aufgrund ihrer Lernschwäche völlig frustriert und demotiviert hat. Bei uns erfahren sie das Gefühl, doch etwas zu können. In nur einem Jahr beobachten wir oft große Lernfortschritte. Dass zwischen den einzelnen Kindern Entwicklungs- und Altersunterschiede herrschen, ist für eine harmonische Klassenzusammensetzung nicht so entscheidend.

  • Mit welchen Schwierigkeiten kämpft die Heilbrunnenschule?

    Nur wenige unserer Schüler schaffen es an die Hauptschule, der Großteil wird es auf dem Arbeitsmarkt einmal sehr schwer haben. In unserer Gesellschaft zählen leider immer noch leistungsstarke Menschen mehr als andere. Förderschulen haben einen schlechten Ruf, sie gelten auch unter manchen Eltern als „Behindertenschulen.“ Viele hadern damit, dass ihr Kind so eine Schule besucht.

  • Wobei würden Sie sich über mehr Unterstützung freuen?

    Es gäbe viele Möglichkeiten, uns tatkräftig unter die Arme zu greifen. Einmal im Jahr führen wir ein Theaterprojekt auf, das auch finanzieller Unterstützung bedarf. Spenden von Stiftungen oder Institutionen erleichtern uns die Realisierung.